Es war einmal… ein Mann, der machte sich auf, ein Abenteuer zu erleben. Er lebte in Paris und hörte von einer weit entfernten Stadt namens Wladiwostock. Dort sollten angeblich Freunde leben, Menschen, die ihn lieben und achten würden, Menschen, die genau seine Talente und seine Eigenschaften zu schätzen wüssten. Er wurde neugierig, denn bisher war er aus Paris nie herausgekommen und schon lange stritt er mit den immer gleichen Leuten um die immer gleichen Dinge. Also packte er eines Tages einige Sachen ein und machte sich zu Fuß auf den Weg. Weder hatte er einen Kompass dabei, noch wusste er die genaue Entfernung, aber er war mutig und guter Dinge und gewillt, den Sternen zu folgen. Er wusste nur, es ging nach Osten. Auf seiner langen Reise machte er viele Erfahrungen. Manchmal waren seine Füße wund, manchmal regnete es in Strömen, manchmal war er hungrig und manchmal übernachtete er im Freien. Aber sehr oft fand er Unterkunft, machte Rast, fand oder bekam etwas zu essen. Er lernte die Berge kennen und Seen, Flüsse, Wälder und Ebenen. Überall traf er auf Menschen, die ihn mal sehr freundlich aufnahmen und mal davon jagten. Eines Tages, seine Füße hatten ihn bereits bis zum Baikalsee getragen, begegnete er einem Fischer, der ihm das Fischen beibrachte. Seine Frau brachte dem Wanderer das Pilzesuchen bei und die Tochter des Fischers zeigte dem Wanderer welche Beeren essbar waren und welche er lieber meiden sollte. So war der Wanderer nicht mehr auf die Gunst anderer Leute angewiesen, sondern konnte nun selbst für sich sorgen. Das machte dem Wanderer großen Spaß, er sammelte Beeren und Pilze, fischte und damit er nachts nicht fror, baute er sich ein Haus. Für lange Zeit blieb der Wanderer am Baikalsee, genoss die herrliche, frische Luft, pflegte Freundschaften zu dort lebenden anderen Menschen und vergaß mit der Zeit völlig, dass er ausgezogen war, um in Wladiwostok am pazifischen Ozean zu landen. Vor seiner Tür war Wasser, um ihn herum Wälder und nette Menschen gab es auch. Doch mit der Zeit wurde der Wanderer unzufrieden, er stöhnte über die harte Arbeit, das frühe Aufstehen und darüber, dass er mehr Pilze und Beeren finden wollte, als er fand. Eines Tages war er so unzufrieden, dass er erneut seine Sachen packte und ging. Doch er hatte sein Ziel vergessen. Er sah in den Himmel, sah die Sterne und die Sonne und entschied sich, nach Süden zu gehen, da, so hatte er gehört, sei das Wetter so warm, dass man draußen schlafen konnte, die Menschen lebten weniger zurückgezogen und Nahrung sollte es in Hülle und Fülle geben. Wieder fand er auf seinem Weg gute und böse Menschen, Diebe und Schenker, Wälder und Berge, Flüsse und Seen, machmal wurden seine Füße wund und manchmal kam er schnellen Schrittes voran. Endlich angekommen fand er sich am Indischen Ozean wieder, ganz im Süden von Indien. Er erinnerte sich, dass seine Reise ihn zu einem Meer hatte führen sollen und er fühlte sich angekommen. Alles war ganz anders, als man es ihm vor vielen Jahren in Paris gesagt hatte, doch das Meer war da, also blieb er. Er konnte fischen, doch im Meer zu fischen war etwas ganz anderes als im See. Doch er lernte schnell, er sammelte Pilze und Beeren und baute sich ein Haus. Er war glücklich und stolz auf sich, daß er einen so weiten Weg geschafft hatte, doch wo waren die Menschen, die ihn lieben und achten sollten? Die Menschen dort lachten über ihn, sie waren ganz anders als er und er konnte so sein wie sie. Er wurde mürrisch und begann sich wieder mit ihnen zu streiten, wie damals, in Paris, um immer gleiche Dinge, nur diesmal mit Menschen, die ihn an jene von früher erinnerten. Über den vielen Streitereien und Sorgen, die sich daraus ergaben, denn man neidete ihm Nahrung, Obdach und Kleidung, so wie er den anderen Nahrung, Obdach und Kleidung missgönnte, vergaß er vollständig, daß er ganz woanders hin unterwegs war, dass sein Weg noch gar nicht zu Ende war. Eines Tages war er so verzweifelt und so traurig über sein Schicksal, dass er beschloß, diesen Ort zu verlassen. Allein mit diesem Entschluss kam eine dunkle, vage Erinnerung in sein Herz, er erinnerte sich dunkel, daß es irgendwo einen Platz auf der Welt geben würde, wo er hingehörte, doch wo? Er machte sich stracks auf und beschloss, einfach seinem Herzen zu folgen. Da er weder wusste, in welche Richtung er gehen sollte, noch wusste, wie weit es wohl noch war, und auch niemanden fragen konnte, weil eben niemand wusste, wohin er unterwegs war, hatte er wenig andere Möglichkeiten, als auf sein Gefühl zu hören. Und sein Gefühl trug ihn nach Osten. Er ging der aufgehenden Sonne entgegen, wann immer er die Morgenröte sah, schlug sein Herz schneller, er war sich sicher, er auf dem richtigen Weg. Denn so lange war er ja in Richtung Osten schon unterwegs gewesen, er hatte es nur vergessen.
Und wieder kamen Berge, Seen und Wälder, immer andere Menschen, die sich trotz der Unterschiede so sehr glichen, Flüsse, Höhlen, Steppen, Regen, Schnee, Sonne und Wind, Hunger und Tränen, Freude und Feste, Freunde und Feinde. Eines Tages nun wurde ihm die Zeit lang und wieder begann er mürrisch zu werden. Er erinnerte an die vielen Jahre, die er nun schon unterwegs war und er fand sich selbst heimatlos, ziellos, er verglich sich selbst mit einem streunenden Hund. Ihm taten die Beine weh, seine Schuhe waren durchgelaufen, kalt war es außerdem und er beschloss den Weg nicht weiter fortzusetzen. So setze er sich mitten auf der Straße hin und weinte. Menschen kamen an ihm vorbei, fragen, ob sie ihm helfen könnten, wo er denn hinwollte. Er antwortete ihnen, dass er, da er nun schon lange unterwegs war, nirgendwo mehr hinwollte und weinte weiter. Sie boten ihm an, ihn ein stück zu begleiten, eine Stadt sei in der Nähe, dort bekäme er sicher Obdach und Nahrung, Kleidung und wahrscheinlich sogar Arbeit und Freunde, er müsse nur aufstehen. Nein, antwortete der Wanderer, er möchte nirgendwo mehr hin, er gehöre eben auch nirgendwo hin, er hätte keine Freunde und man sollte ihn in Ruhe lassen. Da es gute Menschen waren, ließen sie ihn in Ruhe. Was der Wanderer nicht wußte war, daß er vor den Toren Wladiwostoks saß, nur noch ein kurzer Weg und er wäre endlich am Ziel angelangt, würde bejubelt und geachtet für den langen Weg, den er zurück gelegt hatte, man würde ihn freudvoll aufnehmen, denn man suchte dort dringend nach Geschichtenerzählern und seine war ganz besonders interessant, denn er gehörte zu den wenigen, die sich zu Fuß aufgemacht hatten, Wladiwostok zu finden. Doch er saß hungrig auf der Straße, weinte und fror und jedem, der ihm Hilfe anbot antwortete er, dass er nichts als Ruhe wolle, nur nicht mehr laufen, alles vergessen, nach Hause, nach Paris. Er war voll Gram und bitter, innerlich schimpfte er mit sich, dass er sich überhaupt jemals auf den Weg gemacht hatte, er erinnerte sich an die Menschen, die ihn davongejagt und bestohlen hatten, die ihn belogen und betrogen hatten und nahm sich vor, fortan auch zu stehlen, zu lügen und Bettler davon zu jagen. So misstraute er jedem, der ihn ansprach und Hilfe anbot und lehnte jedes Angebot ab. Die Menschen, die gut zu ihm waren, die Freunde waren, hatte er auf dem langen Weg vergessen. Er erzählte sich selbst die Geschichten von dem langen Weg, den steilen Bergen, den öden Steppen, den reißenden Flüssen und tiefen Wäldern, die voll von gefährlichen Raubtieren waren wieder und wieder. Er hatte Mitleid mit sich und seinem Los, doch er war auch hart und kalt zu sich, denn er war wütend, weil er aufgegeben hatte. Er wußte, er müßte nur aufstehen und die Reise ginge weiter, doch was, wenn er den Menschen, die ihm Hilfe angeboten hatten, begegnete? Er war zu stolz, um zuzugeben, dass seine schreckliche Geschichte vielleicht gar nicht so schlimm gewesen war, hatten doch diese fremden Menschen ihm wenigstens zugehört und mit ihm geweint. Er wandte sich vollständig von der Straße und Menschen darauf ab. Er beantwortete keine Fragen mehr und knurrte nur noch, wenn jemand an ihn trat, um ihm Nahrung, Obdach oder sonstige Hilfe anzubieten. In seinem Kopf kreisten die bösen Erinnerungen. Und eines Tages wurde ihm die Zeit lang. Die Wut auf sein Leben und auf alle Menschen, die er kennengelernt hatte war fast verraucht, denn er erinnerte sich kaum noch, warum er ihnen böse war, so lange saß er nun schon auf der Straße. Auch seine Wut auf sich selbst löste sich allmählich auf, denn seine Beine taten nicht mehr weh, er war ausgeruht, es wurde Sommer und war warm und satt war er auch – er hatte ja Beeren und Pilze und manchmal brachte ihm jemand aus der Stadt ein Stück Brot. Er dachte auch kurz darüber nach, was er wohl jenen, die er abgewiesen hatte sagen sollte, falls er sie träfe und kam zu dem Schluß ihnen zu sagen, dass er auch schöne Dinge erlebt hatte, aber so erschöpft gewesen ist, dass er einfach nicht mit ihnen hatte gehen können. So stand unser Wandersmann auf und ging noch einige Schritte über einen kleinen Hügel. Als er auf dem Hügel stand, erstreckte sich vor ihm eine goldene Stadt. Musik ertönte aus der Ferne, er sah ein Schild mit dem Namen „Wladiwostok“ und sein Herz schlug bis zum Hals. Vergessen war der Schmerz, die Trauer, der Hunger und die Kälte, die Wut und die Not. Er sah sein Ziel und rannte los. Er wurde empfangen, wie jeder Wanderer dort empfangen wird. Man warf Rosenblätter auf ihn, umarmte und küsste ihn, bot ihm Nahrung, Kleidung, Obdach und Freundschaft an. Der Wandersmann weinte Tränen der Freude, sein Herz jubelte. Er wurde zum Ältesten der Stadt gebracht, der ihn willkommen hieß. Der Wanderer schämte sich sehr, als er ihn sah, denn er erkannte in ihm jenen Mann, der ihn wieder und wieder angesprochen und gefragt hatte, ob er nicht doch aufstehen und wenigstens noch drei Schritte machen würde. Der Älteste schien die Gedanken des Wanderers zu erraten. Er machte ihm keine Vorwürfe, er schimpfte nicht und sprach auch die Peinlichkeit nicht an. Der Älteste bat den Wanderer, vor die Tore der Stadt zu gehen und andere müde Wanderer zu ermuntern, weiterzugehen. Er zwinkerte ihm zu und sagte, dass er sicher sei, dass der Wanderer das am allerbesten könne, denn er hatte ja auch den Mut wieder gefunden und sei aufgestanden. Er dürfe den anderen alles sagen und alles tun, um sie zum aufstehen zu bewegen. Außer zwei Dingen: Er dürfe sie nicht auf die Beine zerren und er dürfe ihnen nicht sagen, dass es nur noch drei Schritte seien. Der Wanderer fragte den Ältesten, warum er das nicht tun dürfe. Der Älteste lächelte und antwortete: „Weißt Du, die Menschen sind alle freiwillig hier. Der Lohn für jeden ist der gleiche: Jeder darf so sein, wie er ist und wird genauso gebraucht und anerkannt. Das ist alles. Es gibt nichts anderes hier. Wir haben hier eine Frau, die backt Brot. Sie backt es für alle hier. Jeder bekommt so viel er will und soviel er essen kann. Ein anderer hat einige Kühe, die er gut pflegt, er stellt für alle Milch, Butter und Käse her, weil er es so will, weil er das am besten kann. Dann haben wir einen Mann, der erzählt den ganzen Tag Geschichten. Jeder, der will kann ihm zuhören. Niemand würde ihm zuhören, wenn er nicht würde erzählen wollen. Das Brot wäre schlecht, wenn die Frau es nicht würde backen wollen und der Käse wäre nichts als saure, schimmlige Milch, wenn der Mann es nicht lieben würde, das zu tun. Deshalb darf man niemanden unter Versprechungen herlocken. Hier gibt es nur einen jeden von uns. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Deshalb darf man niemanden herzerren – wieviele Gefangene lieben ihr Gefängnis?“ Der Wanderer dachte eine Weile nach. Dann fragte er: „Ihr hättet mich da draußen verhungern lassen, nur damit ich freiwillig komme?“ Der Alte lächelte wieder. „Hast Du nicht jeden Tag Brot bekommen,Pilze und Beeren? War das Wasser im Bach nicht klar?“ Da nickte der Wanderer, stärkte sich, bezog sein Haus und ging vor die Tore der Stadt und half den anderen müden Wanderern den Gram zu überwinden.
Ein Gleichnis…
Februar 23, 2008 von lichtwege