Die Macht der Macht
April 28, 2008 von lichtwege
Was fasziniert uns so an Macht? Warum spielen wir gerne mit ihr und um sie? Was ist es, das uns “mächtig” fühlen läßt oder ohnmächtig? Und warum begeben wir uns im Alltag immer wieder in Situationen, in denen wir entweder um die Macht kämpfen oder mit ihr spielen - was ist die Faszination?
Ich glaube, daß Macht aller Art sehr viel mit unbewußter Angst zu tun hat. Macht ist eine sehr duale Emotion, doch sie ist auf beiden Seiten das Gleiche. Sie ist nicht einerseits gut und andererseits schlecht, sie ist nicht einerseits hart und andererseits weich.
Macht ist die Kontrolle über die jeweilige Situation. Der eine hat den Überblick, der andere nicht. Der eine ist innerhalb der einer Situation aktiv - und damit mächtig, der andere ist innerhalb derselben Situation passiv - und damit ohnmächtig. Doch ist es so einfach zu sagen? Ist Macht so einfach zu unterteilen in aktiv und passiv? Ich denke nicht, ich glaube eher, daß Macht etwas mit Bewußtsein zu tun hat. Der eine ist sich seiner selbst und der jeweiligen Situation bewußt, der andere nicht und das unterteilt meiner Meinung nach in mächtig und ohnmächtig.
Was hat nun Macht mit Angst zu tun?
Die Angst vor dem Verlust der Kontrolle entwickelt sich häufig zu dem übersteigerten Wunsch, die Macht zu haben. “Das Böse” wird in Filmen und Büchern und leider auch im Alltag immer wieder gleichzeitig mit Macht und dem Kampf um die Macht beschrieben. Dabei ist dieses Macht-haben-Wollen nichts anderes, als der übersteigerte Wunsch, die Kontrolle zu erlangen, um sich in Sicherheit zu fühlen.
Wie funktioniert also Macht? Macht beginnt mit dem Verlust der Kontrolle, man ist hilflos, ausgeliefert und kann sich nicht wehren. Man hat das Gefühl, sich wehren zu müssen, gegen ein Gesetz, einen Befehl, eine Situation, ein Urteil und man kann eben daran nichts ändern, man ist gezwungen, zu gehorchen.
In diesem Moment entsteht innerlich eine Rebellion, man wünscht sich nichts mehr, als dem Zwang zu entgehen, man will frei sein und will für die Freiheit kämpfen. Doch dieser Kampf um die Freiheit ist unterschwellig ein Kampf um die Macht. Häufig möchte man den anderen zwingen, selbst zu gehorchen, man möchte sich selbst oder einen nahe stehenden Menschen rächen, man möchte, daß der andere leidet, so wie man selbst gelitten hat - diese Gefühle sind menschlich und beruhen auf tiefem, unaufgelöstem Schmerz, auf Verzweiflung. Daher ist ein Mensch mit diesen Gefühlen nicht zu verurteilen. Kämpft man also nicht um Freiheit, sondern um Macht, endet ein solcher Konflikt im Krieg, im großen Stil, wie auch im Alltag.
Am Ende sind beide Parteien verfeindet, haben beide im Grunde verloren, denn der vermeintliche Sieger, der aus derartigen Kämpfen hervorgeht, ist meist auch der “König, der irgendwann den Giftbecher zu trinken bekommt” - bildlich gesprochen. Man liebt, ehrt, achtet und vertraut dem Machthaber nicht, man verachtet und haßt ihn. Wir wissen inzwischen, daß Haß eine übersteigerte Form der Angst bedeutet. Hassen wir also jemanden, so fürchten wir den Schaden, den diese Person anrichten kann. Es ist kaum erstrebenswert, solche Art der Macht zu erlangen, doch vielen ist die Art der Macht egal. Sie wollen die Kontrolle über die Situation und die Kontrolle über die Menschen innerhalb einer Situation, denn diese Kontrolle schenkt ihnen die Sicherheit, selbst nicht unterworfen zu sein.
Uns fasziniert also an Macht im Allgemeinen und im Besonderen die Kontrolle, man möchte erhört werden, wenn man etwas sagt, ernst genommen sein, die eigenen Regeln möchte man befolgt wissen. Man möchte selbst Achtung erfahren, respektiert werden für das, was man ist. Man möchte anderen verbieten, daß sie einen schlecht behandeln, belügen, bestehlen. Man möchte den anderen dazu bringen, selbst geehrt zu sein… doch um wieviel mehr erreicht man genau das durch bedingungslose Liebe?
Sicher, es ist oft nicht einfach, sich einer Situation hinzugeben, die Kontrolle abzugeben und dem anderen zu vertrauen, doch genau das ist es, was wir jeden Tag mit Gott versuchen. Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern der Macht und des Spiels mit der Macht. Wie ich bereits in anderen Artikeln ausführlicher schrieb, erproben wir hier auf Erden die Frage, ob wir denn nicht sein könnten wie Gott - ob wir nicht Gott sein könnten. Diese Frage ist die eigentliche Frage der Macht. Könnten wir nämlich Gott sein, so könnten wir angebetet werden, man würde uns um Hilfe bitten, uns fragen, uns respektieren, uns dienen und bestenfalls lieben. Vor allem aber würden wir über den Dingen stehen. Wir würden unangreifbar sein. Dies Spiel spielen wir mit anderen Menschen, weil Gott uns zwar dieser Frage nachgehen läßt, sich selbst aber aus der Frage heraus hält, das bedeutet, er kämpft nicht mit.
Wir Menschen stellen Regeln auf und predigen anderen, was sie zu denken, zu glauben, zu beten und zu tun haben, um die Gunst Gottes zu erlangen. Er selbst aber liebt uns bedingungslos, einen jeden von uns. In der Bibel steht: “Die Strafe für die Sünde aber ist der Tod.” Dieser Satz bedeutet viel mehr als auf den ersten Blick ersichtlich. Er bedeutet, daß die Sünde mit dem Sterben des Körpers gesühnt ist, man tritt also nach dem Tod frei von “Sünden” vor Gott. Da wir durch Jesus ebenfalls wissen, daß er a) durch seinen Tod die Sünden der Welt auf sich genommen und bereits gesühnt hat (nämlich durch seinen Tod) und b) wissen, daß der Tod nicht existiert, weil Jesus auferstanden ist und wir alle ebenfalls das ewige Leben und die Auferstehung in uns haben, können wir hieran einmal mehr ablesen, daß wir alle frei von Sünden aller Art sind, daß wir unschuldig sind. Egal, wie wir unsere Brüder behandeln oder von ihnen behandelt werden. Für uns ist nur eine Sache wirklich wichtig: Die Vergebung untereinander, die der bedingungslosen Liebe entspringt und in sie hinein führt.
Wenn wir uns nun bewußt sind, daß der eigentliche Machtkampf nicht unter uns statt findet, sondern auf einer feinstofflichen Ebene mit Gott, dann können wir uns auch bewußt machen, daß dieser Kampf und das Spiel mit zur Klärung der Frage gehört, der Frage, die überhaupt möglich gemacht hat, daß wir hier sind. Wir können also dankbar sein für diese Erfahrung.
Wie begegnen wir nun der Angst vor dem Kontrollverlust und der Macht? Meiner Ansicht nach können wir dieser Angst und der Macht nur entgegentreten, wenn wir uns hingeben und Vertrauen üben. Wenn wir die Situationen unseres Lebens annehmen, wie sie sind, mal lachen, mal weinen, mal schreien, mal wegrennen und mal geschehen lassen - so, wie wir es eigentlich ohnehin täglich tun - und die Bewertung des “Gut und Böse” weg lassen, sondern an einem Tag abends im Bett weinen, weil nichts lief und mutig am nächsten Tag die Herausvorderungen wieder annehmen und dann abends sehr stolz lächelnd sagen können, daß wir unsere Sache gut gemacht haben, dann nähern wir uns der Hingabe an Gott an. Vertrauen wir Gott, vertrauen wir darauf, daß wir geliebt sind, beschützt sind, geborgen sind und frei von Schuld und vor allem frei von Strafen, die wir noch zu erwarten haben, so können wir uns dem Leben, das er uns geschenkt hat, hingeben und es leben, es er-leben, es erfahren und sehen, wie schön es ist.
Es ist ein großer Unterschied, ob man Hoch erhobenen Hauptes in die Arena geht, um mit dem Löwen zu kämpfen, oder ob man sich gefesselt mit Peitschenschlägen dorthin schleifen läßt und um Gnade bittet.
Nehmen wir also unser Leben, wie es kommt, leben wir in liebevollen und in harten Zeiten im Vertrauen darauf, daß Gott stets bei uns ist und uns seine Engel sendet, wann immer wir ihn um Hilfe und Anleitung bitten. In der Bibel steht: “Gott aber ist treu und er wird nicht zulassen, daß ihr über Euer Vermögen geprüft werdet, denn mit der Prüfung wird er auch den Ausweg schaffen, damit ihr sie besteht”.
Vertrauen wir auf diesen Satz —- und vergeben wir uns unser Mißtrauen.
Vielleicht noch ein weiterer Gedanke: Wer hat wirklich die Macht? Derjenige, der sich bewußt ist über sich selbst. Also hat der die Macht, der die Macht über sich selbst, über seine Gedanken, Gefühle und Handlungen erlangt hat, in dem er die Verantwortung dafür ünbernommen hat. Denkt jemand an Haß und Vernichtung, so sind diese Gedanken der eigenen Angst entsprungen, nicht einem anderen Menschen. Fühlt jemand Wut und Verzweiflung, so sind diese Gefühle der eigenen Angst entsprungen, nicht dem anderen Menschen. Handelt man aus Angst, dann aus eigener, nicht weil sich ein anderer nicht zu benehmen weiß. Übernehmen wir die Verantwortung für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen und finden so in die eigentliche Macht - die Macht über sich selbst.
Und hier noch eine christliche Ausführung:
Als Jesus beispielsweise gekreuzigt wurde, war er vorher bei Pontius Pilatus. Pilatus fragte Jesus, wie er denn nicht antworten könne, er habe die Macht über sein Leben. Die Antwort Jesu ist bezeichnend dafür, was Macht wirklich ist. Er antwortete, daß Pilatus die Situation gar nicht in der Hand habe, daß er jede Macht von woanders bekommen habe, alles bereits entschieden sei und er (Pilatus) es nicht ändern könne. Wer hatte in dieser Situation tatsächlich “die Macht”? Meiner Ansicht und Interpretation dieser Situation nach hatte ganz eindeutig Jesus die Macht in diesem Moment. Er unterwarf sich einer Situation, die er völlig überblickte und wußte, was dies Opfer bedeutet. Mehr noch als das Opfer, sich hinrichten zu lassen, bedeutet die Situation, der Menschheit zu zeigen, daß der Tod überwunden werden kann, daß es eine Auferstehung gibt. Das ist meiner Ansicht nach die wahre frohe Botschaft - Jesus hat der Menschheit die Angst vor dem Tod nehmen können, weil er bewiesen hat, daß der Tod kein Ende bedeutet.
Dessen war sich Pilatus und auch sonst keiner in dieser Situation bewußt, Jesus wußte, daß er auferstehen würde und der Menschheit damit das größte Geschenk überreichen. Pilatus und vor allem die religiösen Führer, die seinen Tod veranlaßt haben, waren sich dessen nicht bewußt und obwohl die Situation auf den ersten Blick so aussah, als hätten sie die Macht über Leben und Tod, hat die Zeit bewiesen, daß sie keinerlei Macht bessen haben.
In Liebe, Anke